Freiheit, Demokratie, Partizipation

Hybris und Nemesis - Rainer Mausfeld

Prof.Dr.Rainer Mausfeld analysiert die gelungenen und gescheiterten Versuche in den letzten 5000 Jahren, die Macht einzuhegen, damit sie nicht die Gesellschaft zerstört. Die Mechanismen von Macht werden offengelegt, um ein tieferes Verständnis zu ermöglichen und um ein kreatives Potential in uns zu wecken, damit wir heute die Macht jener eingrenzen können, die sich unsere Macht an sich reißen. Eine Zusammenfassung und Auswahl von Zitaten, von Bernhard Oberrauch.

Beschreibung des Verlages: Wie uns die Entzivilisierung von Macht in den Abgrund führt - Einsichten aus 5000 Jahren

Die Risiken und Gefahren der militärischen und ökologischen Zerstörung sind heute so groß, dass sie die menschliche Zivilisation schlechthin bedrohen. Die Herausforderung eine gute, lebenswerte und wohlgeordnete Weltgemeinschaft herzustellen, stellt sich heute drängender denn je. Doch das einzige Mittel, auf das sich eine Hoffnung gründen lässt, steht uns heute de facto nicht mehr zur Verfügung: die Demokratie. Der Kognitionspsychologe Rainer Mausfeld argumentiert, dass Demokratie zu einer leeren Worthülse geworden ist: War Demokratie einst ein Instrument zur Einhegung von Elitenverkommenheit, wurde uns die zivilisatorische Leitidee von Demokratie enteignet, verfälscht und in ihr Gegenteil verkehrt: in die Herrschaft von Eliten. In einem großen Bogen zeigt Mausfeld auf, wie es zu dieser verheerenden Entwicklung kommen konnte und was wir tun müssen, um dem zivilisatorischen Abgrund zu entkommen. Dabei reicht seine Analyse bis zurück in die Antike: Wir müssen nicht weniger als Recht und Scham wiederentdecken, zwei Affekte, die essentiell mit der wahren Idee von Demokratie verbunden sind. 

Der Autor: Prof.Dr. Rainer Mausfeld 

Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmung- und Kognitionsforschung inne. In seinen gesellschaftspolitischen Beiträgen beschäftigt er sich mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie in einen autoritären Sicherheitsstaat und psychologischen Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements. Mit seinen Vorträgen (u.a. "Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?" und "Die Angst der Machteliten vor dem Volk") erreicht er Hunderttausende von Zuhörern.

 

„Hybris und Nemesis“ – Rainer Mausfelds schonungslose Machtkritik, Buchbeschreibung von Eugen Zentner

"Der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld beschäftigt sich schon lange mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie durch Eliten und mit den psychologischen Techniken der Meinungslenkung, die diese nutzen, um ihre herrschende Position zu sichern. Seine Gedanken zu diesen Themen hat er in Büchern wie „Warum schweigen die Lämmer“ oder „Angst und Macht“ ausgebreitet, in mutigen Werken, die Machtkritik äußern und zum Kern des autoritären Geistes der Gegenwart vordringen. Auch seine jüngste Publikation schlägt in die gleiche Kerbe. In „Hybris und Nemesis“ variiert Mausfeld seine Grundthesen, stellt sie aber in einen viel größeren Kontext. Entlang historischer Linien zeigt er auf, wie der Begriff der Demokratie seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt worden ist und heute als Herrschaftsinstrument dient. ..." Weiterlesen bei den Nachdenkseiten...

„Hybris und Nemesis“ – Rainer Mausfeld im Gespräch über sein neues Buch

"Macht drängt nach mehr Macht und Reichtum nach mehr Reichtum, eine Dynamik, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet und sie zu zerstören droht: Dies ist eine der frühesten Einsichten der Zivilisationsgeschichte. Macht bedarf daher stets einer robusten Einhegung. Das bedeutendste Schutzinstrument für eine Zivilisierung von Macht stellt die egalitäre Leitidee der Demokratie dar. Rainer Mausfeld zeigt entlang historischer Linien auf, dass der Begriff der Demokratie seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt worden ist und heute als Demokratierhetorik für Herrschaftszwecke missbraucht wird. Dadurch ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Entzivilisierung von Macht gekommen, deren psychische, gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen die menschliche Zivilisation insgesamt bedrohen." Hier das Interview anhören...

Nachfolgend bringe ich einige ausgewählte Zitate, die Formulierungen von Prof.Rainer Mausfeld sind hervorragend und treffend. Ich kann nur empfehlen, das ganze Buch zu lesen.

https://www.buchkomplizen.de/hybris-und-nemesis.html

„Vor unendlich langer Zeit, in längst vergangenen Zeiten, die später als die goldene empfunden wurde, lebten die Menschen in Eintracht und Zufriedenheit. Vereinzelung oder gar ein Mehrhabenwollen auf Kosten anderer waren ihnen fremd. Als jedoch einige wenige anfingen, sich Vorteile auf Kosten der Gemeinschaft zu verschaffen, nahm die Geschichte ihren Lauf.“ (S. 10)

„Es ist jedoch ein gravierendes Missverständnis, zu meinen, dass Wahlen den Kern der Leitidee von Demokratie ausmachten. Wahlen spielen bei dieser zivilisatorischen Leitidee nur eine vergleichsweise nebensächliche Rolle. Das lässt sich bereits daran erkennen, dass formal freie Wahlen in dem Maße politisch folgenlos bleiben müssen, wie die Prozesse der Meinungsbildung selbst nicht psychologisch frei sind. Sie können nur dann psychologisch frei sein, wenn die Massenmedien ihre normative Funktion in einer Demokratie erfüllen, also in angemessener und unverzerrter Weise über alle gesellschaftlich relevanten Fragen unterrichten und zudem allen gesellschaftlichen Gruppen ein Sprachrohr bieten, mit dem sich diese gleichberechtigt in den öffentlichen Diskussionsraum einbringen können. ...

Diese normative Funktion wird jedoch in kapitalistischen Demokratien in so durchgängiger und massiver Weise verletzt, dass von einem faktischen Verlust dieser Norm gesprochen werden kann. Da gegenwärtig alle großen Medien fest in politische und ökonomische Machtbeziehungen eingebunden sind und folglich der öffentliche Debattenraum durch Machtgruppierungen dominiert und massiv eingeschränkt wird, kann es schon aus diesen Gründen keine psychologisch freie Meinungsbildung geben. Formal freie Wahlen sind in diesem Fall politisch irrelevant, weil bereits die psychologischen Prozesse der Meinungsbildung von den Machtausübenden kontrolliert werden. Damit sind diejenigen, die eigentlich durch die Medien kontrolliert werden sollen, letztlich die Kontrollierenden.“ [S.32 ff]

„Dadurch, dass die Soziologie das Thema der Macht aus ihrem Fokus entfernt hat, leistet sie heute selbst einen Beitrag dazu, reale Machtverhältnisse zu verschleiern und damit unsichtbar zu machen.“ [S.41]

„Bereits die griechischen Machteliten hatten die große ideologische Macht erkannt, die sich mit Hilfe des Wortes ›Demokratie‹ gewinnen lässt. Sie haben bereits den Wert einer Demokratierhetorik als Herrschaftsinstrument erkannt. Mit einer bloßen Demokratierhetorik lässt sich das natürliche Bedürfnis der Bürger nach Freiheit und Selbstbestimmung durch die Erzeugung einer Illusion von Demokratie ruhigstellen. Die systematische Erzeugung einer solchen Illusion wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert als wirkungsvollste Form der Revolutionsprophylaxe erkannt und hat seitdem zu immensen Anstrengungen Anlass gegeben, die Techniken der Illusionserzeugung und der Manipulation bis zu einer umfassenden Tiefendurchdringung aller psychischen Bereiche zu perfektionieren. Das zwingt uns, beim modernen Wortgebrauch des Begriffs der Demokratie einen sehr genauen Blick auf seine Bedeutung werfen.“ [S.50ff]

„Weiterentwicklungen dieser ›Neufassungen‹ des Demokratiebegriffs als Formen einer Elitenherrschaft sind Konzeptionen, die das mit ›Elitendemokratien‹ verbundene Ziel, den Einfluss der gesellschaftlichen Basis auf politische Entscheidungen eng zu begrenzen, radikal zu Ende denken. … Liberale oder kapitalistischen Demokratien, wie auch immer sie theoretisch konzipiert wurden, haben stets eine Entgrenzung von Macht begünstigt und damit Entwicklungen begünstigt, die für die Stabilität und den Zusammenhalt einer Gesellschaft zerstörerisch sind.“ [S.54 ff]

 

„Durch die Abkoppelung des Rechts vom demokratischen Souverän ist auch das Recht selbst zu einem Instrument der Entgrenzung von Staatsmacht und Kapitalmacht geworden. ... Von besonderer Bedeutung ist dabei das sich gegenüber demokratischen Rechtsstaaten verselbständigende System internationalen Privatrechts und die Etablierung einer Paralleljustiz in Form von Schiedsgerichten. Diese Entwicklungen stellen eine Form der Refeudalisierung dar, bei der das Recht vom demokratischen Prozess entkoppelt und reprivatisiert wird, sodass sich ökonomisch starke Akteure vom demokratischen Recht befreien und ihre Interessen über ein von ihnen selbst ausgehandeltes transnationales Recht durchsetzen können.

Die historisch mühsam gewonnene Zivilisierung von Macht und Gewalt durch demokratisch gesetztes Recht, durch die der demokratische Rechtsstaat als Inhaber des Gewaltmonopols zum Garanten des Rechts wurde, wird in der Gegenwart zunehmend rückgängig gemacht.

In dem Maße, in dem ein entdemokratisierter Staat gemeinsam mit mächtigen ökonomischen Akteuren das Recht selbst zu einem Machtinstrument von Partikularinteressen umformt, fördert er eine Entzivilisierung von Macht und Gewalt.“[S.56 ff]

 

„Mythen und die sich aus ihnen abgeleiteten Wertesysteme sind in der Lage, auch über verschiedene Verbände und große geografische Distanzen hinweg eine normative Kraft zu entfalten und gemeinschaftsstiftend zu wirken.“ [S.103]

 

„Mit der Organisation von Macht in Form des Staates wurden die bis dahin entwickelten Schutzinstrumente zur Kontrolle parasitärer Eliten weitgehend wirkungslos. … Die Athener der Antike zielten auf mehr. Sie wollten zum Schutz der Gesellschaft die im Staat verkörperte Macht so an die gesellschaftliche Basis binden, dass ihre zerstörerische Kraft eingehegt wurde. Diese große zivilisatorische Leistung konnten sie nur deswegen erbringen, weil ihre Gesellschaft durch eine außergewöhnlich freie und offene kulturelle Atmosphäre geprägt war, die eine gedankliche Erkundung und ein kontinuierliches Experimentieren und Erproben mit geeigneten gesellschaftlichen Arrangements förderte. Dadurch gelang es selbst unter den Bedingungen des Staates, in einem einzigartigen kreativen Prozess ein gänzlich neuartiges Schutzinstrument zur Einhegung von Macht und zur Verhinderung von Elitenverkommenheit zu erfinden: die Demokratie.“ [S.215 ff]

 

"Das Wesen der auf Volkssouveränität basierenden Demokratiekonzeption besteht gerade darin, dass die Rechte von Bürgern vollständig aus dem Verfahren der demokratischen Gesetzgebung abgeleitet werden müssen. ...

Um die Gesetze mit der Freiheit der Menschen vereinbar zu machen, müssen die Gesetzesunterworfen selbst die Gesetze ändern können. Es kommt also bei der demokratischen Gesetzgebung nicht auf den Inhalt der Gesetze an, sondern darauf, dass sie in demokratischer Weise hervorgebracht wurden. ...Auch Grundrechte sind daher lediglich demokratisch gesetztes Recht, ohne eine höhere – etwa naturrechtliche – Legitimation. Das betrifft beispielsweise auch das Recht auf Eigentum, das sich nicht naturrechtlich (wie bei Locke) oder vernunftrechtlich (wie bei Kant) legitimieren lässt, sondern sich allein im Prozess einer demokratischen Rechtsschöpfung bestimmen lässt. Was ein Grundrecht ist und wie es genau zu bestimmen ist, geht also keineswegs dem Prozess der demokratischen Rechtssetzung voraus, sondern wird selbst erst in diesem bestimmt. Angesichts der inhaltlichen Unbestimmtheit von Freiheit und Gleichheit kann deren Konkretisierung erst im demokratischen Gesetzgebungsprozess durch die gesellschaftliche Basis erfolgen." [S.228 ff]

 

„Die Demokratie beruht auf dem Gleichheitsprinzip bei der Vergesellschaftung von Macht. Der Kapitalismus hingegen beruht in seinen Funktionsprinzipien gerade auf der Ungleichheit des Eigentums an Produktionsmitteln. Die kapitalistische Eigentumsordnung verpflichtet alle, die über kein eigenes Kapital verfügen, für fremdes Eigentum zu arbeiten, und überführt damit Arbeit in Lohnarbeit. Der Kapitalismus verlangt also eine Unterwerfung unter die Machtverhältnisse, in denen eine Minderheit von Besitzenden Macht über eine Mehrheit von Nichtbesitzenden ausübt.“ [S.430]

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